Kegelreport

"Kegelreport"
Wir leben in einer Zeit der Reporte: Hausfrauenreport, Schulmädchenreport - Grüne Witwen, Briefträger, Gasmänner, Müllabfuhr, Sex - alles wird verreportet. Aber von einem Kegelreport hat man noch nichts gehört. Diese Marktlücke musste mal geschlossen werden!
Was hiermit geschehen soll!
Selbst seit 31 Jahren in dieser Gemeinschaft aktiv und Bewegungen vollführend, die dem Kegeln in etwa verwandt sind, hatte der Schreiber dieses Berichts reichlich Gelgenheit, zu beobachten, zu analysieren und in die tieferen Schichten der Keglerpsyche einzudringen.
Sollten einige Fakten dieses Reports den werten Lesern merkwürdig vorkommen, so bitte ich zu bedenken, dass heutzutage kein populärer Report-Verfasser mehr ohne Pop-Art, Surrealismus und haarsträubende Ungereimtheiten, vermischt mit einem Schuss Sex, auskommt.
Was ist nun Kegeln?
Ein Urberliner würde sagen: Ick schnapp´mir´ne Kugel - pfeffer se uff de Bahn - und der janze Mist fällt um!
Da in unserem Klub aber eine Menge gebildeter Leute die Kunst der gepflegten Ausdrucksweise beherrschen, muss das natürlich anders formuliert werden!
Populärwissenschaftlich ausgedrückt ist das Kegeln ein den Gesetzen der Schwerkraft unterliegender, physikalischer Vorgang, bei dem mittels eines Hebels in Gestalt eines kürzeren oder längeren Armes ein Gewicht in Form einer Kugel aus dem Ruhezustand in Bewegung versetzt wird. Fachleute nennen diesen Vorgang Schieben!
Die Kugel soll am Ende einer mehr oder weniger gleichförmigen Laufbahn 9 aufrechtstehende Holz- oder Plastikstücke, Kegel genannt, umzuwerfen versuchen. Außer diesem rein physikalischen Vorgang gehört dazu noch ein hellwacher Geist, ausgerüstet mit den entsprechend koordinierten grauen Zellen, der in der Lage ist, diesen Ablauf in möglichst gleichmäßger Weise 120-mal wiederholen zu lassen, ohne dass es besagtem Arm langweilig wird.
Böse Zungen behaupten, die Ausübung des Kegelns obliege vornehmlich Leuten, die den Drang verspüren, bestehende Ordnungen umzustoßen und unter dem Mäntelchen sportlichen Tuns aufgestaute Aggressionstriebe abzubauen und somit das Geld für den Psychiater oder die Akupunktur zu sparen.
In diesem Zusammenhang möchte ich das zurzeit umlaufende Gerücht, dass der bekannte Regisseur Horst Richter einen Film "Der Kegler und der Exorzist" drehen will, in das Reich der Fabel verweisen! Obwohl es Kegler geben soll, bei denen ein Exorzist durchaus angebracht wäre! Tatsache ist, dass man unter den Keglern eine außergewöhnliche Anzahl ausgeglichener Menschen antrifft, deren Puls eine Freude jeden Blutdruckmessers bzw. EKG-Gerätes wäre, ganz zu schweigen von Gehirnstrommessgeräten.
Es gibt Bohle, Schere und Asphalt. Die Bezeichnungen sind etwas irreführend, denn es handelt sich keineswegs um den speziellen Ausgleichssport der Schreiner, Schneider oder Straßenarbeiter. Auf Bohlenbahnen rollen die Kugeln hin und her. Vergleiche mit der Gymnastikstunde der Hausfrauenabteilung sind allerdings fehl am Platze.
Auf der Scherebahn geht es von links nach rechts nach schräg. Deshalb sind aber die Kegler, die diese Bahnart bevorzugen, noch lange keine schrägen Vögel.
Bei Asphalt geht alles (meist) geradeaus. Hier findet man hauptsächlich charakterfeste Persönlichkeiten, die den Ärger, den diese Bahnart mitunter bereitet, wie eine lästige Fliege abschütteln können.
Bei Asphalt und Schere wird abgeräumt. Besonders zu empfehlen nach einem Ehekrach, geschäftlichen Ärger oder Steuernachzahlungen. Hauptmerkmal des Abräumens ist die Stellung. Die verschiedenen Varianten kann man in dem Buch des bekannten Sportwartes Stippe (kolle) "Dein Kegler - das bekannte Wesen" nachlesen.
Recht labil sind die Bohlenkegler. Das ständige Hin und Her soll einem medizinischen Gutachten zufolge einen nachteiligen Einfluss auf die Hypophyse des Kleinhirns ausüben und unter Umständen unheilvolle Auswirkungen auf das Sexualleben der Betreffenden nach sich ziehen. Aber nun alle Bohlenkegler in Bausch und Bogen als haltlos zu verdammen, träfe nicht den Kern der Sache.
Sprechen wir nun vom angestrebten Effekt: Fallen alle Neun, spricht man von Direkten (bei Schere und Asphalt) oder Dusel (bei Bohle). Eine Acht ist können. Bei einer Sieben nennt man es Schnitt. Die Sechs ist eine Sieben, bei der aus unerfindlichen Gründen einer nicht umgefallen ist. Eine fünf ist Pfusch. Eine Vier meist ein Durchläufer und eine Drei schlichtweg eine Katastrophe. Zweier und Einsen sind zwar in der Schule etwas wert, beim Kegeln dagegen handelt es sich fast ausschließlich um Fehlleistungen auf Asphalt.
Dann gibt es Kugeln, die gar nicht ankommen bzw. an den hämisch glotzenden Kegeln vorbei in einer eigens dafür vorgeschriebenen Rinne im Nichts verschwinden. Dazu sagt der Volksmund je nach Sprachraum Ratte, Pudel oder Pumpe. Akademiker sagen Fehlwurf. Bei Riegenmitgliedern hat sich die Bezeichnung "Wurf ohne Einschlag" eingebürgert!
Die Produzenten dieser Fehlleistungen werden je nach Ansehen und Rang Flasche, Piepe, Tanzmaus oder Eierkopp gescholten und mit einer angemessenen Geldstrafe belegt. Besonders Erfolgreiche werden gekrönt und als Rattenkönige brutal dem beißenden Spott der feixenden Mitmenschen ausgeliefert.
Wir kommen nun zu den verschiedenen Kombinationen von Konstitution und Technik:
Ein kleiner, dicker Kegler kann die lange, schlanke Kugel bevorzugen, während ein großer, dünner die kurze runde lieber hat.
Das schließt natürlich nicht aus, dass auch dünne, große Kegler lange, schlanke und kleine, dicke Kegler kurze, runde Kugeln schieben.
Bei den Damen sind die Dinge noch sehr viel heikler. Dort liegen natürlich die Konstitutionsprobleme auf einer anderen Ebene:
Es gibt Damen mit flachen Busen, die die rund Kugel bevorzugen, indessen solche mit rundem Busen lange möchten. Es gibt natürlich auch rundbusige mit einem Hang zum Anschieben und flachbusige mit einem Faible für die Länge. Das hübsche Frauen besonders gefühlvoll schieben sollen, sieht nur so aus. Der Unterschied liegt lediglich in der Schärfe.
Das Problem des Anlaufens ist psychologisch hochinteressant. Da treffen wir Leute, die Anlauf nehmen, als gelte es, die Kugel in eine Umlaufbahn um die Erde zu bringen. Andere halten einen Anlauf für unter ihrer Würde und lassen die Kugel nach einer kurzen, konvulsivischen Zuckung wie eine heiße Kartoffel fallen.
Sehr beliebt ist auch der Kniefall vor dem Anlauf. Ob das nur eine Rolle spielt, wenn die Kegel in Richtung Mekka stehen oder die Ölkrise schuld daran ist, konnte selbst von gewieften Kleinasienforschern nicht ermittelt werden.
Elegante Zickzackläufe sind ebenfalls nicht selten, wodurch die Kugel meines Erachtens bis zuletzt im Unklaren gelassen wird, wo sie aufgesetzt werden soll, was die Spannung zweifellos erhöht. Dann gibt es den Pillendrehertyp, der vor dem Abwurf die Kugel zehnmal in der Hand herumwirbelt, was dieser meist nicht bekommt und man sich dann nicht zu wundern braucht, wenn sie wie besoffen die Bahn runterläuft.
Auch das als extrem einzustufende ein- bis zweimalige Hochwerfen der Kugel vor dem Abwurf deutet auf seelische Unausgeglichenheit hin und sollte den Jongleuren im Zirkus überlassen bleiben. Leute, die viel fernsehen, haben sich den sogenannten Western- oder Bonanza-Wurf zugelegt:
Die ansatzlos aus der Hüfte abgefeuerte Kugel mit dem Überraschngseffekt der guten, alten Panzerabwehrwaffe, auch Ratsch-Summ genannt. Von der Zielsicherheit wollen wir in diesem Zusammenhang nicht reden.
Bleibt noch die angeschobene Kugel zu nennen, die nichts mit den Bäckerbroten gleicher Machart zu tun hat, sondern es handelt sich um Würfe, bei denen eine Acht gefallen ist, obwohl eine Fünf angemessen gewesen wäre.
Die Phase vom Abwurf der Kugel bis zum Einschlag bietet ebenfalls ein reiches Feld für hochinteressante Studien: Da haben wir den Mann, der den Einschlag der Kugel durch einen trockenen Aufwärtshaken begleitet mit dem man einen Cassius Clay alias Muhammad Ali kurzrundig ausknocken könnte.
Ein anderer zieht an einer unsichtbaren Schnur - vielleicht war er mal Toilettenmann und schleppt aus dieser Zeit noch ein unbewältigtes Trauma mit sich herum.
Ein Dritter stampft mit dem Fuß auf - sicher war er als Kind ein Trotzkopf.
Wieder ein anderer beschreibt mit seinem Spielbein einen graziösen Halbkreis - auch Kratzfuß genannt - was darauf schließen lässt, dass die Vorfahren bei Hofe gedient haben.
Die Schlangenbeschwörer, die den Wurfarm in Kegelrichtung stoßen und sekundenlang wie eine Statue verharren, sind unter den Leuten zu suchen, die ihren Urlaub vornehmlich im vorderen Orient verbringen.
Nachfahren der französischen Revolution sind anscheinend diejenigen, dei beim Einschlag der Kugel einen Ausfallschritt nach vorn machen, den sie wohl von den Fechtübungen der drei Musketiere übernommen haben.
Die süßen, kleinen Tippelschritte nach dem Abwurf werden allerdings hauptsächlich von Damen vollzogen. Doch es soll auch Herren geben, deren Bewegungen nach dem Abwurf denen eines Eintänzers nicht unähnlich sind.
Ganz böse sieht es bei den Leuten aus, die nach einer Fünf dem Kugelfang einen Tritt geben - was als ziemliche Unfairness ausgelegt werden muss, weil dieser nicht wiedertreten kann.
Hochinteressant ist die Gestik nach misslungenen Würfen, einer Vier beispielsweise. Das fängt mit der entgeisterten Miene an, die der des Mannes gleicht, der soeben erfahren hat, dass ihn seine Frau mit dem Gasmann betrügt. Oder mit der zornig drohenden Faust in Richtung Kegel, was diese allerdings wenig beeindruckt.
Ganz empfindliche werden aschfahl, während der häufigste Ausdruck des Unbehagens der verständnislos geschüttelte Kopf ist - ob der erlittenen Ungerechtigkeit.
Das andere Extrem ist nicht minder aufschlussreich:
Bei einer Neun kann man die wunderlichsten Temperamentausbrüche registrieren. Am gebräuchlichsten sind die in Siegerpose emporgestreckten Arme. Im Hintergrund hört man förmlich die Trompeten Verdis Triumphmarsch aus Aida schmettern. Ganz Ausgebuffte verziehen dabei keine Miene, während nicht so Versierte ein siegessicheres Grinsen zum Zuschauerraum nicht unterdrücken können.
Wir kommen nun zur Vorbereitung auf den Wettkampf, das sogenannte Warmmachen. Da gibt es außergewöhnlich abweichende Kombinationen. Die hauptsächlichsten Methoden sind Innere und die Äußere. Die innere Methode bietet einen reichlichen Spielraum, der vom Pils über Steinhäger und Scharlachberg bis zum Underberg reicht und vornehmlich von unverbildeten Frohnaturen und freischaffenden Künstlern angewandt wird. Sehr introvertierte Naturen begnügen sich allerdings mit einer Peter Stuyvesant.
Die äußere Methode ist nicht so variabel. Die Auswahl ist karg: Ein paar kurze Kniebeugen, hier ein Armschwung und da ein Hüftschwung und schon hat sich´s. Unter den Anwendern dieser Variante findet man meistens Beamte, Magenkranke und im Internat Aufgewachsene oder Angehörige des mobilen Einsatzkommandos der Polizei, die allerdings das schnelle Ziehen aus der Hüfte als Lockerungsübung bevorzugen.
Wie bei allen Sportarten gibt es natürlich auch beim Kegeln Auswüchse zu beobachten:
Das fängt schon bei der Bezeichnung an: Bowling! Englisch ist vornehm - also her mit dem Fremdwort! Dann natürlich keine 9 Kegel, sondern 10 - man hat´s ja! Die Kugeln können auch nicht groß genug sein! Wenn dann so ein Riesending auf die Kegel zusaust, was bleibt denen schon anderes übrig, als umzufallen wie die Arbeitgeber vor der Gewerkschaft! Das wird ja dann auch nicht umsonst Streik genannt. Und im Hintergrund spielt dezent die Musikbox: Heute hau ´n wir auf die Pauker.
Soviel also über Entartungen. Da bleiben wir doch lieber bei unserer handlichen 6-Pfund-Kugel, nach dem Motto der Kenner: Eine Handvoll ist fein - größer ist gemein!
Wie man also meinen vorangegangenen Ausführungen entnehmen kann, ist das Kegeln ein viele Bereiche des menschlichen Körpers berührender Sport, der Herz, Hirn, Muskeln und Nerven trainiert und die Ausübenden aus der Masse der phlegmatisch dahinvegetierenden, unsportlichen Mitmenschen heraushebt.
Sollte sich bei den geschilderten Verhaltensweisen jemand selbst erkannt haben, so möge er sich trösten: Es muss ja nicht ausgrechnet er gewesen sein, von dem der Verfasser inspiriert worden ist.
Und nach dem Motto: Wir beugen zwar die Knie, aber wir brechen nie in dieselben, schließe ich mein Referat mit einem Gedicht frei nach Eugen Roth:
Ein Mensch betritt die Kegelbahn
und fängt sogleich zu werfen an.
Die Kugel läuft auch gar nicht dumm,
doch leider fällt nur wenig um.
Der Mensch verwundert sich darob
und wirft noch einmal, aber grob.
Und ganz entgeistert muss er sehn,
es bleiben diesmal noch mehr steh´n.
Der Mensch, nun langsam ungehalten,
versucht es nun mit Urgewalten!
Da aber geht es gänzlich quer,
die kugel trifft nun gar nicht mehr.
Verbittert, mit der Welt zerfallen,
verlässt er schnell die Kegelhallen
Moral:
Mit Kraft lässt sich nicht alles regeln, man braucht Verstand - sogar beim Kegeln!
Quelle: Vereinszeitung Berliner Sportkegler, Ausgabe 4/75, 25 Jahre TuS-Kegeln
 

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